Erwachsene lernen anders… Und wie?!

Wesenszüge des Lernens als Erwachsene. Unterschiede insbesondere zu Lernprozessen im Kindesalter. Erwachsenenlernen als selbstbestimmt, lebensnah, intensiv und systematisch.

In der Kindheit ist Schule und Lernen normal, Alltag – wenn auch nicht immer einfach, angenehm und erfolgreich. Als Erwachsene haben wir rückblickend oft den Eindruck, dass es mit den Jahren immer schwerer fällt, uns neues Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten anzueignen.
Aber weder unsere Neugierde, noch unsere Lernfähigkeit, noch die persönliche Erfolgsquote lassen mit zunehmendem Alter zwangsläufig nach. In fast jeder Lebenssituation oder Stufe unserer Persönlichkeitsentwicklung können wir dazulernen und tun es auch. Nur als Erwachsene eben anders, denn als Kinder.

Auch wenn die Lernforschung in den letzten Jahrzehnten etwas mehr in die öffentliche Aufmerksamkeit gelangt ist, konzentriert sie sich im Wesentlichen immer wieder auf die Analyse und die Förderung von Lernprozessen bei Kindern, Jugendlichen oder (höchstens) jungen Erwachsenen in Ausbildung und Studium.
Der hier verwendete Ausdruck „Erwachsene“ bezieht sich auf Reifestufen der Persönlichkeitsentwicklung, wenn der jeweilige Mensch Verantwortung übernimmt und verantwortlich handelt. Zumindest für sich selbst, seine Lebensgestaltung und seine eigene Zukunft bzw. die seiner Familie oder größerer sozialer Gruppen, des Umfeldes, humaner oder globaler Themen u. ä. Diese Reifestufen der Persönlichkeit vollziehen sich bei den meisten Menschen in mehreren Phasen und sind oftmals verbunden mit einschneidenden Veränderungen ihres unmittelbaren Lebensumfeldes (Job, Familie, Partnerschaft, Gesundheit etc.). Die jeweilige Anfangs-Altersgrenze ist individuell unterschiedlich und damit sekundär.

 

Aus meiner inzwischen etliche Jahre umfassenden eigenen Lern- und auch Lehrerfahrung kristallisieren sich vier wesentliche Merkmale des Lernens im Erwachsenenalter heraus: Selbstbestimmtheit, Lebensnähe, Intensität und Systematik.

 

Erwachsene lernen selbstbestimmt. Oft ist es der Wechsel äußerer Umstände (Ausbildungsende, eigene Wohnung, erste Partnerschaften), die die Übernahme von Verantwortung und die Entstehung eines bewussten, zunehmend vollständigen Selbstkonzeptes begleiten. Diese Selbstkonzept entwickeln Erwachsene in relativ jungen Lebensjahren autonom, selbstgesteuert und auch in der Realisierung selbstverantwortlich.
Mit der Persönlichkeitsentwicklung einher geht eine Schwerpunktverlagerung in der Lernmotivation von äußeren Anstößen hin zu inneren Motivationsfaktoren und Interessensgebieten. Mit dem Ende der Ausbildung sind Lernprozesse auch nicht mehr Lebensmittelpunkt. Dieser verschiebt sich eher in Richtung beruflicher Leistungsprozesse. Damit konkurriert die Lernbereitschaft mit den jetzt täglichen Notwendigkeiten und Anforderungen des Berufslebens.
Gleichzeitig eröffnet sich für den Erwachsenen die Möglichkeit, sein Wissensbedürfnis fokussieren zu können auf die individuellen Interessensgebiete bzw. Anforderungen der neuen Lebenssituation.

 

Erwachsene lernen lebensnah. Das gesamte Umfeld, Verpflichtungen, Anforderungen, Beziehungen und eigene Interessen dienen als Anregung, als Experimentierfeld und gleichzeitig als Ziel neuer Lernprozesse im Erwachsenenalter. Egal, ob begrenzte oder umfangreiche Bedürfnisse nach neuem Wissen, Fertigkeiten oder Fähigkeiten – stets sollten sie anwendbar sein. Oft wird die Praxisverbundenheit der Erwachsenenbildung als explizit problemzentriert, kontextuell oder aufgabenorientiert gesehen.
Lebensnähe des Lernens im Erwachsenenalter heißt darüber hinaus: Erfolgsorientierung. Jede formelle Maßnahme, jeder Kurs, aber auch jede informelle Recherche, jedes Ausprobieren etc. soll ein bestimmtes, ja, das gewünschte Ergebnis bringen.

 

Erwachsene lernen intensiv. In der Schule, Ausbildung und/oder Studium werden in unterschiedlichsten Fachgebieten Wissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten vor allem extensiv, quantitativ und qualitativ wachsend, aufgebaut. Das Lernen im Erwachsenenalter erfolgt demgegenüber eher intensiv, zum einen, weil die Ressourcen „Zeit“ und „Aufmerksamkeit“ für das Lernen wesentlich eingeschränkter zu Verfügung stehen, zum anderen, weil durch die Aufhebung der Lernpflicht freier und selbstbestimmter zwischen Fachgebieten gewählt und priorisiert werden kann.
Intensität im Erwachsenenlernen ist erkennbar vor allem an der engen Verknüpfung zum Vorwissen und den Vorerfahrungen. Wenn ein thematischer Rahmen und Grundbegriffe bereits bekannt sind, fällt es wesentlich leichter, weiterführende Erkenntnisse zu erarbeiten, umzusetzen oder anzuwenden.
Die effektive Nutzung aller vorhandenen Ressourcen im Lernprozess durch hohe Aktivität, Konzentriertheit und Effizienz sind ebenfalls Aspekte der Intensität, oder sogar Intensivierung von Lernprozessen durch Erwachsene.

 

Erwachsene lernen systematisch. Der Systembezug des Erwachsenenlernens gilt nach meiner Ansicht in dreifacher Hinsicht. Zum ersten sind Lernprozesse im Erwachsenenalter vor allem dann Erfolg versprechend, wenn sie durch den Lernenden als sinnvoll anerkannt werden. Ein (philosophischer) Sinn des Lernens wird sowohl hinterfragt wie auch zur Orientierung verwendet, in späteren Lebensalter sogar tendenziell wachsend.
Zum zweiten gehört zum systematischen Aspekt des Lernens im Erwachsenenalter, dass neue Erkenntnisse und Fähigkeiten in ein ganzheitliches, strukturiertes System aller Kompetenzen der jeweiligen Persönlichkeit eingeordnet werden können. Diese Einordnung wird als verständlich, logisch und einfach erwartet, so dass eine gewisse Leichtigkeit im Denken und Handeln des Menschen erreicht werden kann.
Zum dritten beinhaltet systematisches Lernen Innovation bzw. bringt sie gleichzeitig hervor. Dies geschieht dann am deutlichsten, wenn die Persönlichkeit in allen Lebensaltern offen ist für Neues, sich flexibel neue Inhalte aneignet und diese gezielt produktiv anwendet.

 

Das lebenslange Lernen im Erwachsenenalter unterscheidet sich von dem früherer Lebensphasen nicht durch eine grobe Einteilung in „Ressourcen-Nutzung“ versus „Potenzial-Entfaltung“ bzw. „Leistungs-Umsetzung“, wie es in bildungspolitischen Diskussionen oft anklingt. Die wesentlichen Besonderheiten des Erwachsenenlernens basieren sowohl auf Entwicklungsprozessen der Persönlichkeit selbst, ihrem unmittelbaren Lebensumfeld, ihrem Beziehungsgefüge und ihrer Rolle in der gesamten sozialen Realität. Die jeweilige Ausprägung von Selbstbestimmtheit, Lebensnähe, Intensität und Systematik des Erwachsenenlernens sind darüber hinaus abhängig von der Qualität der Lehrprozesse. Welchen Charakter und welche Spezifika diese Lehrprozesse für Erwachsene, gerade in späteren Lebensjahren, benötigen, fördern oder auch verneinen, soll an anderer Stelle ausgeführt werden.

 

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